Polski Dziennik

Entries categorized as 'Studium'

Lieber Gast!

13. Februar 2008 · 2 Comments

Eigentlich wundere ich mich, dass ich überhaupt mit dir diskutiere - denn du würdest ja auch nicht mit einem anonymen Anrufer am Telefon reden, oder?
Es tut mir leid, aber der Gedanke, dass ich dich entweder am nächsten Montag beim Stammtisch oder auf einer ähnlichen Veranstaltung treffe, verwirrt mich.
Aber nun zur Sache:
Ich stelle fest: Eine Frage wie “Zu welchem Land gehört das Gebiet um Vilnius heute?” ist banal, ebenso wie die meisten der anderen Fragen. Das kommt mir nicht so vor, sondern ist einfach so. Wer als Europäer/in diese Frage nicht beantworten kann, gehört nicht an eine höhere Bildungsanstalt.
Meine Vorlesungsprüfungen in Deutschland waren nicht so, dass ich jede Menge Zeugs gelernt habe, das niemanden interessiert. Stattdessen haben wir uns ein Thema aus der Vorlesung ausgesucht, dazu habe ich Literatur gelesen und so Zusammenhänge gelernt. Für meine Prüfung hier habe ich mit Wikipedia gelernt. Das ist schon allein deshalb frustrierend, weil es extrem sinnlos ist, etwas zu lernen, was ich in zwei Minuten nachschlagen kann. Meine Prüfungen in Tübingen waren vor ein bzw. anderthalb Jahren und ich kann dir die Sachverhalte immer noch erklären, aber dafür habe ich schon vergessen wie die Vorgängerorganisationen der polnischen Heimatarmee hießen.
Vor fünf Jahren habe ich als Schülerin eine Arbeit für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten geschrieben über meinen Urgroßvater, der in der Zwischenkriegszeit für eine deutsche Zeitung im polnischen Korridor geschrieben hat. Das meiste, was ich über die polnische Geschichte weiß, weiß ich aus dieser Zeit und ich werde es wohl nie wieder vergessen. Das liegt einfach daran, dass ich damals die Zusammenhänge und zeitlichen Abläufe verstehen musste, um die Geschichte meines Urgroßvaters zu rekonstruieren. Ich habe mir das selbst erarbeitet und dies sind dann die Dinge, die im Gehirn hängen bleiben.
Was den älteren Verweis zum “Ostblog” angeht: Mir ist durchaus bewusst, dass die Qualität von Lehre vor allem von einzelnen Personen abhängt und ich weiß auch, dass meine Hochschule im Zweifelsfall nochmal eine Sache für sich ist. In Tübingen haben sich die meisten Profs nach Vorlesungen und Seminaren bedankt. (Die Vorlesungen von Prof. Hrbek werden mir immer im Gedächtnis bleiben, ganz besonders seine letzte, in der er uns verriet, dass die Lehre für ihn im Laufe seiner Universitätslaufbahn immer wichtiger wurde.) Die Bloggerin im Ostblog mag sich über einen frei zu formulierenden Essay freuen - ich würde den wahrscheinlich auch recht schnell und mit viel Elan schreiben. Fraglich ist nur, ob ich dabei was lerne. Für mich ist das Studium die Auseinandersetzung mit den Ideen anderer und die Suche nach einem eigenen Standpunkt. Das ist genau das, was in einer guten Hausarbeit passieren sollte. Wenn ich einfach nur meine eigenen Ideen aufschreibe, dann lerne ich zwar, meinen eigenen Standpunkt zu finden und diesen auszudrücken - aber nicht, mich mit den Ideen anderer auseinanderzusetzen, ein enormer Verlust, wie ich meine. (Es sei denn, man diskutiert diesen Essay später mit anderen.) Für Frau Starprofessorin (ich weiß ja leider nicht, wer sie ist) mag das zwar schön und gut sein, schließlich hat sie wahrscheinlich in ihrem Leben schon einiges gelesen und kennt viele Ideen intelligenter Menschen aus ihrem Fachgebiet, für uns arme Studentinnen gibt es aber leider kein anderes Mittel als Lesen, Lesen, Lesen - und genau dies werde ich jetzt tun, wenn ich meine Hausarbeit schreibe.
Viele Grüße
von einer Studentin, die von ihrem Studium begeistert ist und sich dies durch nichts verderben lassen wird!

P.S.: Ich hoffe, du verzeihst das internetliche “Du”.

Categories: Studium

dowcip

12. Februar 2008 · 2 Comments

Das ist das polnische Wort für Witz und dies trifft auf meine Prüfung zu: Da lerne ich tagelang Dinge wie die polnischen Parteien der Zwischenkriegszeit, alle Verfassungen in der Geschichte Polens und die militärischen und politischen Organisationen des polnischen Untergrundstaats - und dann werden mir folgende Fragen gestellt:
- Inwiefern haben sich die Nachbarn Polens nach 89 geändert? (Also es ging nur um Staatsnamen, nicht um politische Veränderungen)
- Wann endete die Sowjetunion?
- Wozu gehörte das Kaliningrader Gebiet historisch gesehen?
- Welche Grenzstreitigkeiten gab es mit Litauen in der Zwischenkriegszeit?
- Zu welchem Staat gehört das Gebiet um Vilnius herum heute? (Toll, oder?)
- Welche Grenzstreitigkeiten gab es im Süden Polens in der Zwischenkriegszeit? (Ok, da bin ich ein bißchen in’s Schwimmen gekommen, weil ich keine Ahnung hatte, wie das Teschener Land auf Polnisch heißt…)
- Wann herrschte in Polen Totalitarismus? (Da hatte ich nicht wirklich Ahnung, wann ich das Ende ansetzen sollte. Meine Allgemeinbildung sagte mir: 53, leider falsch…Ein typische Fall von einer Selbstverständlichkeit, um die ich mich nicht gekümmert hatte, weil ich zu viel Mist gelernt habe.)
Dann hat der gute Herr mir eine vier (dt. zwei) gegeben und fertig. Da mache ich mich Ewigkeiten verrückt und dann stellt er mir keine einzige Frage zu Dingen, die gelernt habe, sondern nur Sachen, die ich vor fünf Jahren wahrscheinlich besser hätte beantworten können. (Wenn wir mal vom Sprachproblem absehen.)
Klar, ich sollte froh sein, dass der meine Prüfung nicht ernst genommen hat und außerdem deutsch spricht, sonst hätte ich wahrscheinlich null Chance gehabt. Aber irgendwie komme ich mir schon verarscht vor, dann hätte er es ja auch einfach lassen können. Dazu kommt übrigens das typische Phänomen: Ich hatte um 15.15 Uhr den Prüfungstermin und um 18.15 Uhr war ich dann dran. 15 Minuten pro Person ohne Pausen waren angesetzt und der hat halt jeden ca. 25 Minuten geprüft (außer mir). Sowas muss doch nicht sein. Ich sollte wirklich einen Kurs zur interkulturellen Kommunikation oder so machen, damit ich solche Dinge verstehe. Denn das hat für mich einfach garkeinen Sinn. Das ist doch nicht das erste Mal, dass der Prof prüft, da weiß man doch, wie lange das so ungefähr dauert!? (Und nach meinen Informationen ist es normal, dass alle Studenten an Prüfungstagen die ganze Zeit in der Uni rumsitzen.) Meine Tandempartnerin meinte heute, dass ein Student im polnischen System einfach nicht als Partner angesehen wird, sondern als jemand, der nur stört. Meine Mitbewohnerin bemerkte außerdem, dass es in Polen normal ist, dass Profs wollen, dass man sinnlose Details lernt und die normalerweise auch abprüfen.
Ich habe heute mit dem Prof dann auch ausgemacht, dass ich meine Hausarbeit auf Deutsch und nicht auf Polnisch schreibe. Ich muss mir das Leben ja nicht schwieriger machen als es schon ist und ich gehe mal davon aus, dass es niemanden interessiert, in welcher Sprache diese Arbeit ist. Ich denke das Thema wird irgendwas zur politischen Kultur, ich könnte zwar jetzt auch über die polnischen Untergrundmilitärverbände schreiben, aber ich befürchte, dass die Tübinger Politologen mir den Schein dann nicht anerkennen…
Ich merke immer mehr, was ich am deutschen Studiensystem habe, und diese Feststellung an sich hat sicher auch seine Vorteile. Ich frage mich nur, was ich jetzt mit dem nächsten Semester mache. Im letzten habe ich letztlich nämlich relativ viel Arbeit investiert, aber letztlich weder von dem, was ich gelernt habe, noch scheinmäßig viel rausgeholt - und das möchte ich für das nächste Semester auf jeden Fall nicht wieder so - leider habe ich bisher noch null Plan, wie ich das verhindere.

Categories: Studium

Umweltschutz u.a.

6. Februar 2008 · No Comments

Die Gazeta Wyborcza stellt fest, dass es sich lohnt mit Deutschen zu reden. Netterweise tut sie das auch in Englisch, so dass ihr das auch selber lesen könnt…

Außerdem muss ich hier zwei Beobachtungen über den Umgang mit der Umwelt loswerden.

1. Plastiktüten: Sie liegen überall umsonst aus  und in vielen Geschäften werden die Einkäufe dort auch gleich eingepackt, so dass man sich regelrecht wehren muss, um keine zu bekommen. Bei uns in der WG sammeln wir die schon - aber was sollen wir damit tun? Letztes Wochenende im Supermarkt stand sogar eine Pfadfindergruppe bereit, um meinen Einkauf in diese Plastiktüten einzupacken - sie sammelten damit offensichtlich Spenden für ihre Arbeit. Wenn noch nichtmal Pfadfinder wahrnehmen, dass diese Plastiktüten die Umwelt schädigen - wie sieht es dann erst im Rest der Gesellschaft aus? (Vielleicht ist auch mein Pfadfinder-Bild doch immer noch zu positiv und die denken eigentlich garnicht ökologisch, sondern nur dann, wenn sie durch die Gegend touren…)

2. Vorgestern erfuhr ich, dass die Heizung in unserem Wohnblock zentral abgerechnet wird, sprich: Der Verbrauch wird summiert und durch die Zahl der Wohnungen geteilt. Ich finde das nicht nur unfair, weil ich immer minimal heize und deshalb auf jeden Fall mehr bezahle als ich verbrauche, sondern auch schlichtweg dumm, weil so natürlich niemand die Heizung runterdreht. Schließlich haben wir einen äußerst milden Winter und es könnte so viel Energie gespart werden, aber so wird das nichts mit den EU-Klimaschutzrichtlinien - aber Polen darf ja noch mehr CO2 in die Luft blasen, da muss man sich ja auch noch nicht anstrengen…

Ansonsten habe ich heute erfolgreiche meine final speech über Hannah Arendt gehalten und jetzt geht’s richtig los mit dem Lernen für meine Hammerprüfung nächste Woche!

Categories: Politik und Gesellschaft · Studium

Mal wieder was zum Thema Studium

24. Januar 2008 · 2 Comments

Ich hatte mal wieder ein paar interessante Unterhaltungen zum Thema Studiensystem in Polen im allgemeinen und an meiner Uni im besonderen.

  • Ich erwarte irgendwie als Studentin ernst genommen zu werden. Dazu gehört z.B. eine gewisse Wertschätzung meiner Zeit. Mich ich verstehe z.B. nicht, was folgendes bei mündlichen Prüfungen soll: Für unsere Polnisch-Prüfung heute wussten wir nur, dass der Lehrer um acht Uhr anfängt zu prüfen. Aber es gab keine Reihenfolge dafür. Ich war natürlich um viertel vor acht da, weil ich nicht zu einer Prüfung zu spät kommen möchte und der Warschauer Nahverkehr unberechenbar ist. Der Lehrer kam einfach mal erst um halb neun. Nett, wie ich bin, habe ich die anderen, die im Anschluss Klausuren hatten, vorgelassen. Ergebnis war, dass ich um halb zehn dran war…
  • Noch netter fand ich allerdings, die Geschichte meiner Tandempartnerin, die an der UW Deutsch und Englisch studiert. Sie sollte am Montag einen Test nachschreiben, weil sie beim ersten Mal durchgefallen war und war auf 17 Uhr mit der Dozentin verabredet. Die hat sie erst eine Stunde warten lassen bis sich herausstellte, dass die Dozentin vergessen hatte den Test vorzubereiten.
  • Beim Warten heute morgen auf meine Polnisch-Prüfung erfuhr ich dann noch folgendes: An der Empik-Sprachschule, wo alle Studenten vom Collegium Civitas ihren Sprachkurs haben, gibt es nur Einstufungsteste für Englisch - und für keine andere Sprache. Man soll sich also selbst einschätzen, was dazu führt, dass alle Leute niedrigere Niveaus wählen, weil sie dafür weniger tun müssen und bessere Noten bekommen. Leute, die z.B. schon in der Schule Deutsch gelernt haben, wählen den Deutsch-Anfängerkurs und gehen dann natürlich dann mit Bestnoten aus den Prüfungen raus. Diese Ergebnisse gehen in die Endnoten ein und nirgendwo steht, auf welchen Niveau der Sprachkurs stattfand. Leute, die wirklich was dazu lernen wollen, haben bei dem System natürlich verloren: Sie lernen was und kriegen dafür die schlechten Noten.
  • Sinnloses Auswendiglernen ist nicht nur mein Problem. Man ist doch kein besserer Politikwissenschaftler dadurch, dass man die alle EU-Kommissare, die es je gab, mit Amtszeit und Ressort herunterbeten kann - und kein vernünftig denkender Mensch kann doch davon ausgehen, dass man sich das behält. Die Folgen dieses Systems merke ich in meinem Seminar über Post-Communist Transitions: Der Dozent versucht gelegentlich uns zu Diskussion aufzufordern, aber dabei kommt noch viel weniger rum als in Tübingen - sprich: Eigentlich traut sich kaum jemand was zu sagen und wenn, dann bewegt sich das gerade mal auf etwas gehobenerem Stammtisch-Niveau und hat mit Wissenschaft überhaupt garnichts zu tun.
  • Abschreiben bei Klausuren ist weit verbreitet und wird von den Dozenten sehr großzügig behandelt. Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass man zur zweiten Prüfungsphase nochmal antanzen muss - aber dafür muss man sich schon sehr dumm anstellen. Erkenntnis aller Studenten ist: Lernen zahlt sich nicht aus. Aber es ist ja auch kein Wunder, dass Multiple Choice u.ä. zum Abschreiben anstiften…

Meine Schlussfolgerung dazu: Wenn man Studenten nicht einen gewissen Grad an Freiheit gibt und sie ernst nimmt, dann werden sie nie lernen selbst zu denken - sondern lernen lediglich, wie man bescheisst und sinnlos Fakten in sich hineinhämmert, die man am nächsten Tag wieder vergisst.

Categories: Studium

“Here comes the sun”

19. Januar 2008 · 1 Comment

Also meine Post-Weihnachten-Silvester-Depri verbunden mit dem Prüfungsschock ist endgültig verflogen.
Positive Ereignisse der letzten Woche:
- Sehr nette, hilfsbereite, neue Mitbewohnerin gefunden und das ganz durch Zufall ohne viel Aufwand
- Sehr interessante neue Menschen kennengelernt (und einen Menschen, den ich eigentlich schon ganz gut kenne, viel besser kennengelernt)
- Feststellung, dass ich in Post-Communist-Transistions kein final exam schreiben muss
- Feststellung, dass meine Klausur in Polnisch nur ein Text ist, den ich einreichen muss
- Volle Punktzahl auf meine Präsentation im Communcation Workshop unter dem Titel “Religion is bad” bekommen. (Das hat mich wirklich gefreut, denn frei reden und dann auch noch mit Körpersprache und allem drum und dran ist was, was wirklich nicht zu meinen Stärken gehört…)
- 9 von 10 Punkten auf meinen Request-Letter für Academic Writing bekommen, den ich aus Zeitmangel nur ganz schnell runtergeschrieben habe. (Das hat mich auch wirklich gefreut, weil es zeigt, dass mein Englisch wirklich besser wird…)
- Eine “sehr gute” Präsentation über Transnistrien und Abkhazien gehalten - das hat mir einfach nur Spaß gemacht, weil es das erste Mal hier in Polen ist, dass ich mir selber was erarbeitet habe und ich weiß, dass es etwas in der Richtung ist, was mich wirklich interessiert.
- Und außerdem sind meine jetzigen Mitbewohnerinnen wirklich sehr nette, lustige und liebe Menschen :-)

Categories: Alltäglicher Wahnsinn · Studium · Wohnen

Weihnachtshilfe und anderes

13. Januar 2008 · No Comments


Bei meinem kleinen Ausflug in die Stadt und zur deutschen katholischen Gemeinde bin ich heute in eine große Weihnachtshilfaktion geraten. Es gibt ein großes Konzert vor dem Kulturpalast und gleichzeitig rennen überall Kinder bzw. Jugendliche mit Spendendosen und Aufklebern durch die Gegend. Wer auch nur ein paar Groszy spendet, kriegt einen Aufkleber. Ich habe in U-Bahn, Bus und Straßenbahn kaum Menschen ohne Aufkleber gesehen. Ich muss ja sagen, dass das von der Fundraising-Methode her echt gut gemacht ist. Die Leute waren auch kaum aufdringlich, die standen da einfach rum und alle gingen hin und taten ihr Geld in die Box. Ganz im Gegenteil zu dem Typen, der hier vor ein paar Tagen an der Tür klingelte und Geld für arme Kinder sammeln wollte. Das kann ich ja garnicht haben: An der Tür kaufe ich keine Staubsauger, will ich nicht mit seltsamen Religionsgemeinschaften diskutieren und da will ich auch nichts spenden! Dann schon lieber auf der Straße. Hinterher habe ich aber von einer polnischen Bekannten gehört, dass sie das eher problematisch sieht, da die Organisation angeblich nicht so sauber ist. In irgendwelchen Zentren von denen werden wohl Drogen genommen und die Kids trinken zu viel Alkohol. Sie ist allerdings ziemlich fromm und qualifizierte die Arbeit von denen auch ab, weil dort die Jugendlichen Sex haben - darum weiß ich nicht so richtig, was ich von ihrer Meinung halten soll…

Ansonsten: Das Wetter ist schön, aber mein Tag heute wird im wesentlichen daraus bestehen meine Präsentation für den Communication Workshop zu Ende zu machen und endlich was ordentliches für meine Präsentation für mein Post Communist Transitions-Seminar zu machen. (Die sich wohl um Transnistrien handeln wird.) Ansonsten denke ich nebenbei drüber nach, worüber ich meine Abschlusspräsentation im Communication Workshop mache. Diesmal darf ich netterweise meine eigene Meinung vertreten, der Themenbereich ist aber der gleiche: Politik, Geschichte, Soziales etc., aber möglichst mit persönlichem Bezug und viel Emotionen und tollen Props. Ich habe natürlich noch nicht die Spur einer Idee…

Categories: Alltäglicher Wahnsinn · Studium

Rzeczpospolita Polska

8. Januar 2008 · No Comments

Ich muss jetzt mal meinen Ärger über das hiesige Studiensystem loslassen. (Ich weiß nicht, ob das jetzt nur meine Uni betrifft oder ob das wirklich für das polnische System typisch ist - aber ich befürchte letzteres.)
Studieren heißt hier v.a. Pauken, was meine Einschätzung nach ziemlich sinnlos ist, schließlich sind wir eigentlich alle erwachsene Menschen und Wissen ist bekanntlich Wissen, wo es steht! Meiner Erfahrung nach lernt man halt am besten, wenn man versucht eine Frage zu lösen und dabei feststellt, was man alles für Wissen braucht. Studium heißt Denken - sollte es zumindestens!
Ich fühle mich gerade ziemlich in die Schule zurückversetzt und mein Gehirn ist da einfach nicht mehr drauf eingestellt. Am krassesten ist es in meiner Vorlesung über das politische System Polens. Eigentlich mag ich die Vorlesung: Das Thema ist super und der Prof hat einen Plan. Aber leider nimmt er ständig unangekündigt Leute dran und fragt sie irgendwas ab. Das kann ganz schön ätzend sein, wenn er stundenlang bei einer Person bleibt und die die Antwort aber schlichtweg nicht weiß…heute kam der dumme Typ auf die Idee mich zu fragen. Erstens habe ich damit überhaupt nicht gerechnet, weil er weiß, dass ich Ausländerin bin und wir eine stille Vereinbarung hatten, dass er mich höchstens bei Vergleichen mit Deutschland fragt und zweitens ist mein Hirn und mein ganzes Verhalten einfach nicht darauf eingestellt…lange Rede, kurzer Sinn: Er wollte mir wohl extra eine leichte Frage stellen und fragte mich nach aktivem und passiven Wahlrecht (dass er so eine Frage überhaupt stellen kann, ist eigentlich schon bezeichnend) - und ich habe das vor lauter Schock vertauscht. Wie ihr euch vorstellen könnt, ärgere ich mich schwarz deshalb…ich habe ja eigentlich kein Problem damit vor vielen Leuten, was zu sagen, aber in diesem Moment war ich viel zu sehr damit beschäftigt die richtigen Worte zu suchen. (Ich verstehe langsam die vielen Migrantenkinder, die in unserem Schulsystem abgehängt werden: Man kann lernen, wie viel man will - wegen der Sprachhürde, wird man so dann letztlich doch reingelegt.)
Nach der Vorlesung kam es dann noch besser: Da erzählte der gute Herr mir, dass er mir die mündliche Prüfung leider nicht erlassen könnte - obwohl ich zusätzlich eine 10-seitige Hausarbeit schreibe (weil ich das in Deutschland sonst nicht anerkannt bekomme) - dafür wird mir der 20minütige Test erspart, aber was ist das schon gegen die Hausarbeit?
Ich weiß, dass ich dazu neige mir vor Prüfungen zu viel Stress zu machen. (Nach zwei Jahren deutschem Studium war ich gerade dabei mir das abzugewöhnen.) - Aber vor dieser Prüfung habe ich wirklich Angst:
Sie dauert 60 Minuten, meine längste Prüfung in meinem Leben war meine mündl. Abiprüfung und da habe ich mich zwei Jahre drauf vorbereitet (ok, das ist relativ…). Sie ist auf Polnisch. (Was ich lange nicht so gut kann, wie ich sollte.) Und sie ist eine verdammte Pauk-Prüfung. Das heißt, ich muss die gesamte polnische Geschichte seit der Adelsrepublik inkl. Namen und Zahlen lernen, außerdem die genaue Entwicklung des Parteiensystems und die Besonderheiten des heutigen Systems. Ach, und nebenbei noch die Verfassung quasi auswendig lernen. Dazu kommt noch, dass ich Dinge, die ich eigentlich weiß - wie die weltgeschichtlichen Entwicklungen oder politikwissenschaftliche Einordnungen quasi nochmal lernen muss, weil mir die polnischen Begriffe sonst fehlen. Leider habe ich auch noch ein paar andere Prüfungen…
Es fällt mir echt gerade schwer meinen üblichen Ehrgeiz zu entwickeln. Ich hoffe irgendwie, dass sich mein Hirn an die Zeit vor drei und davor Jahren erinnert und daran, wie man Sachen in Mengen auswendig lernt. Ich meine: Es gibt kaum ein Thema, das mich mehr interessiert, und es ist ja auch nicht so, dass ich da garkeine Ahnung von hätte - aber unter diesen Bedingungen ist es echt schwer nicht das Interesse daran zu verlieren. Außerdem ist dieser Schein leider verdammt wichtig, weil ich nur damit mein Grundstudium abschließen kann. Wenn sich das noch weiter hinzieht, kriege ich wahrlich ein Problem…
Die positive Sache: Falls es mir gelingt doch noch gelingt, mich zu motivieren, werde ich ein wandelndes Lexikon für polnische Geschichte und Politik sein. Vielleicht sollte ich dann eine polnische Staatsbürgerschaft beantragen, denn das Grundgesetz kenne ich nicht auswendig…
Irgendwie war’s das dann wohl erstmal mit meinem Vorsatz für das neue Jahr, weniger zu studieren und mehr Warschau zu erleben. Aber vielleicht erfülle ich den Vorsatz mehr Polnisch zu lernen dafür wenigstens automatisch…
Folgendes soll weder polen-feindlich, noch arrogant oder nationalistisch sein - aber ich bin wirklich froh aus dem Land von Humboldt und Pestalozzi zu kommen!

Categories: Besonderes und Skurriles · Studium