Polski Dziennik

Auschwitz

29. August 2008 · 2 Kommentare

Von Krakow aus machte ich mich heute morgen auf, um mit hunderten anderen Menschen diesen Ort, der wie kein anderer für das Verbrechen Holocaust steht, zu entdecken und auf mich wirken zu lassen.

Die Frau an der Kasse wirkt irritiert als ich sie auf polnisch nach einer deutschen Führung frage: „Es gibt auch Führungen auf Polnisch.“ Im Nachhinein bereue ich, dass ich dieses Angebot nicht angenommen habe.

Die Zeit bis zum Beginn der Führung verbringe ich im Buchladen: Wer bitte schickt Postkarten mit Auschwitzmotiven an Daheimgebliebene?

Ich blättere noch in den ausliegenden Büchern, als sich die deutsche Gruppe – natürlich überpünktlich – sammelt: Außer einem Vater mit seinem ca. 18 jährigen Sohn besteht die Gruppe aus fünf Pärchen, von denen zwei ungefähr in meinem Alter sind. Die anderen drei schätze ich auf 50 bis 65. Trotz des Hinweis der Museumsführerin, dass Fotografieren im Außenbereich des Lagers erlaubt ist, überrascht mich das Verhalten der Touristen, die Schlange stehen, um sich unter dem Schild „Arbeit macht frei“ fotografieren zu lassen.

Die Museumsführerin, eine ca. 50jährige Polin mit gutem Deutsch, stellt zu Beginn fest, dass sie bei deutschen Besuchern ja wohl das Wissen über die größeren Zusammenhänge voraussetzen könne und versorgt uns stattdessen mit jeder Menge Details aus dem Lageralltag. Den älteren Herren unserer Gruppe reichen diese Infos offensichtlich nicht aus: Gemeinsam mit ihren Frauen scharen sie sich um unsere Museumsführerin, um sie mit Fragen über die Einzelheiten der Foltermethoden oder die Funktionsweise der Gaskammern zu löchern. Einer von ihnen nutzt jede stille Minute, um den Rest der Gruppe mit seinem Halbwissen aus Filmen und populärwissenschaftlichen Büchern zu versorgen.

Erst als wir bei dem wohl beeindruckensten und erschreckendsten Ort der ganzen Ausstellung ankommen, der Baracke mit den privaten Gegenständen der Ermordeten, verstummen auch die Besserwisser in unserer Gruppe für einen Moment.

Auf dem Appellplatz stelle ich fest, dass nicht jeder lautes Rufen auf Deutsch an diesem Ort für unangebracht hält. Die umstehenden Touristen aus aller Herren Länder  schauen uns nur verwirrt an. Muss man sich als Deutsche/r in Auschwitz anders verhalten als andere Besucher?

Wir schieben uns gemeinsam mit den Besuchern aller anderen Nationen vorbei an Todeswand, Stehbunkern und der Hungerzelle von Maximilian Kolbe. Nach zwei Stunden haben wir die Führung im Stammlager Auschwitz abgeschlossen. Der Hinweis der Museumsführerin, dass wir jetzt zehn Minuten Pause machen, wird von der Frage unterbrochen, ob das ausreiche, um einen Kaffee zu trinken.

Wir fahren weiter nach Birkenau: Baracken und Barackenüberreste soweit das Auge reicht. In einer Sanitärbaracke diskutiert ein Ehepaar darüber, ob es nun besonders schlimm sei mit 180 Leuten gleichzeitig auf Toilette zu gehen – und ich frage mich, welche Relevanz die Information hat, wie oft am Tag die Lagerinsassen die Latrinen benutzen durften.

An unserem nächsten Stop erklärt unsere Museumsführerin „An diesem Ort wurden die ankommenden Menschen sortiert. Der Arzt entschied mit einer Daumenbewegung über Leben und Tod.“ Gleichzeitig bedeutet ein Mann unserer Gruppe mit der gleichen Handbewegung seiner Frau für ein Foto zu posieren.

Wir laufen zum Ende der Rampe, wo das große Denkmal steht, dem man die Bauzeit in den 60ern geradezu ansieht. Zwischen den mehrsprachigen Gedenktafeln sticht die die polnische Version heraus, auf der nicht Opfern, sondern Helden gedacht wird. Die Tafel ist unterschrieben vom Staatsrat der Volksrepublik Polen.

Gleich nebenan endet unsere Führung an den Überresten einer Gaskammer, die von den älteren Herren unserer Gruppe von allen Seiten mit ihren Digitalkameras festgehalten wird. Willkommen als Fotomotiv ist auch die israelische  Reisgruppe, die neben uns steht.

Unsere Museumsführerin verabschiedet sich mit den Worten „Wenn Sie auf den Lagerturm hinaufsteigen, können Sie auch noch das ganze Lager von oben fotografieren.“ Die fünf Personen meiner Generation haben alle während der gut dreistündigen Führung kein einziges Mal ihre Kamera gezückt.

Im Buchladen beim Verlassen des Geländes beobachte ich einen deutschen Besucher dabei, wie er ein Poster mit den Schuhbergen der ermordeten Opfer von Auschwitz als Motiv kauft. Ich frage mich nicht nur, wo er das zu Hause aufhängen wird, sondern vor allem, ob es keinen angemesseneren Umgang mit diesem Ort geben kann.

Kategorien: Politik und Gesellschaft · Touristisches und Kulturelles

2 Antworten bis hierher ↓

  • Sara // 24. Dezember 2008 um 12:38

    Vielen Dank für diesen Text, habe ihn über Google gefunden. Ich werde demnächst für ein paar Tage nach Krakau fahren und auch Auschwitz besuchen. Gibt es wirklich Postkarten und Poster mit diesen Motiven? Das ist ja unglaublich geschmacklos.
    Ich bin noch am Überlegen, ob ich meine Kamera mitnehmen soll. Ich würde diesen Ort gerne irgendwie fotografisch festhalten bzw. das verarbeiten, was ich da erleben werde. Andererseits finde ich es eben auch sehr unangemessen.
    (Als ich das KZ Mauthausen besucht habe, gab es tatsächlich Leute, die unter dem gefakten Duschkopf in der Gaskammer für Fotos posiert haben.. dazu fällt mir wirklich nichts mehr ein.)

  • Felix Schaefer // 20. Januar 2009 um 1:05

    Wer sich auf einen Auschwitz-Besuch vorbereiten möchte, der lese mal dieses Buch:
    http://www.lass-uns-ueber-auschwitz-sprechen.de/index.html

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