Polski Dziennik

Rzeczpospolita Polska

8. Januar 2008 · Kommentar schreiben

Ich muss jetzt mal meinen Ärger über das hiesige Studiensystem loslassen. (Ich weiß nicht, ob das jetzt nur meine Uni betrifft oder ob das wirklich für das polnische System typisch ist – aber ich befürchte letzteres.)
Studieren heißt hier v.a. Pauken, was meine Einschätzung nach ziemlich sinnlos ist, schließlich sind wir eigentlich alle erwachsene Menschen und Wissen ist bekanntlich Wissen, wo es steht! Meiner Erfahrung nach lernt man halt am besten, wenn man versucht eine Frage zu lösen und dabei feststellt, was man alles für Wissen braucht. Studium heißt Denken – sollte es zumindestens!
Ich fühle mich gerade ziemlich in die Schule zurückversetzt und mein Gehirn ist da einfach nicht mehr drauf eingestellt. Am krassesten ist es in meiner Vorlesung über das politische System Polens. Eigentlich mag ich die Vorlesung: Das Thema ist super und der Prof hat einen Plan. Aber leider nimmt er ständig unangekündigt Leute dran und fragt sie irgendwas ab. Das kann ganz schön ätzend sein, wenn er stundenlang bei einer Person bleibt und die die Antwort aber schlichtweg nicht weiß…heute kam der dumme Typ auf die Idee mich zu fragen. Erstens habe ich damit überhaupt nicht gerechnet, weil er weiß, dass ich Ausländerin bin und wir eine stille Vereinbarung hatten, dass er mich höchstens bei Vergleichen mit Deutschland fragt und zweitens ist mein Hirn und mein ganzes Verhalten einfach nicht darauf eingestellt…lange Rede, kurzer Sinn: Er wollte mir wohl extra eine leichte Frage stellen und fragte mich nach aktivem und passiven Wahlrecht (dass er so eine Frage überhaupt stellen kann, ist eigentlich schon bezeichnend) – und ich habe das vor lauter Schock vertauscht. Wie ihr euch vorstellen könnt, ärgere ich mich schwarz deshalb…ich habe ja eigentlich kein Problem damit vor vielen Leuten, was zu sagen, aber in diesem Moment war ich viel zu sehr damit beschäftigt die richtigen Worte zu suchen. (Ich verstehe langsam die vielen Migrantenkinder, die in unserem Schulsystem abgehängt werden: Man kann lernen, wie viel man will – wegen der Sprachhürde, wird man so dann letztlich doch reingelegt.)
Nach der Vorlesung kam es dann noch besser: Da erzählte der gute Herr mir, dass er mir die mündliche Prüfung leider nicht erlassen könnte – obwohl ich zusätzlich eine 10-seitige Hausarbeit schreibe (weil ich das in Deutschland sonst nicht anerkannt bekomme) – dafür wird mir der 20minütige Test erspart, aber was ist das schon gegen die Hausarbeit?
Ich weiß, dass ich dazu neige mir vor Prüfungen zu viel Stress zu machen. (Nach zwei Jahren deutschem Studium war ich gerade dabei mir das abzugewöhnen.) – Aber vor dieser Prüfung habe ich wirklich Angst:
Sie dauert 60 Minuten, meine längste Prüfung in meinem Leben war meine mündl. Abiprüfung und da habe ich mich zwei Jahre drauf vorbereitet (ok, das ist relativ…). Sie ist auf Polnisch. (Was ich lange nicht so gut kann, wie ich sollte.) Und sie ist eine verdammte Pauk-Prüfung. Das heißt, ich muss die gesamte polnische Geschichte seit der Adelsrepublik inkl. Namen und Zahlen lernen, außerdem die genaue Entwicklung des Parteiensystems und die Besonderheiten des heutigen Systems. Ach, und nebenbei noch die Verfassung quasi auswendig lernen. Dazu kommt noch, dass ich Dinge, die ich eigentlich weiß – wie die weltgeschichtlichen Entwicklungen oder politikwissenschaftliche Einordnungen quasi nochmal lernen muss, weil mir die polnischen Begriffe sonst fehlen. Leider habe ich auch noch ein paar andere Prüfungen…
Es fällt mir echt gerade schwer meinen üblichen Ehrgeiz zu entwickeln. Ich hoffe irgendwie, dass sich mein Hirn an die Zeit vor drei und davor Jahren erinnert und daran, wie man Sachen in Mengen auswendig lernt. Ich meine: Es gibt kaum ein Thema, das mich mehr interessiert, und es ist ja auch nicht so, dass ich da garkeine Ahnung von hätte – aber unter diesen Bedingungen ist es echt schwer nicht das Interesse daran zu verlieren. Außerdem ist dieser Schein leider verdammt wichtig, weil ich nur damit mein Grundstudium abschließen kann. Wenn sich das noch weiter hinzieht, kriege ich wahrlich ein Problem…
Die positive Sache: Falls es mir gelingt doch noch gelingt, mich zu motivieren, werde ich ein wandelndes Lexikon für polnische Geschichte und Politik sein. Vielleicht sollte ich dann eine polnische Staatsbürgerschaft beantragen, denn das Grundgesetz kenne ich nicht auswendig…
Irgendwie war’s das dann wohl erstmal mit meinem Vorsatz für das neue Jahr, weniger zu studieren und mehr Warschau zu erleben. Aber vielleicht erfülle ich den Vorsatz mehr Polnisch zu lernen dafür wenigstens automatisch…
Folgendes soll weder polen-feindlich, noch arrogant oder nationalistisch sein – aber ich bin wirklich froh aus dem Land von Humboldt und Pestalozzi zu kommen!

Kategorien: Besonderes und Skurriles · Studium

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